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Covertext:
Was Wunder
Welch sonderbares Ding ist die Vernunft, sagte Kunze. Immer wieder versuchen Leute, ihre Vernunft einzusetzen. Aber immer wieder raten ihnen die Verhältnisse, vernünftig zu sein. Welch sonderbares Ding sind die Verhältnisse, sagte Hinze.
Wort-Setzung wird zur Sinn-Gebung
Über den zweiten Volker Braun-Abend im Berliner Ensemble kann man nur Gutes sagen. Die Texte, ob Gedichte oder die „Geschichten von Hinze und Kunze“, strahlten das persönliche Engagement des Dichters aus. Sie waren bildhaft, sinnenkräftig, besaßen dialektischen Pfiff, in den „Geschichten“ auch Pfiffigkeit. Braun versteht es, der Sprache auf den Putz zu klopfen. Er nimmt Worte und Wendungen beim Wort, Wort-Setzung wird zur Sinn-Gebung. Braun liebt den freien Vers, die unregelmäßigen Rhythmen; die Diktion der „Psalmen“ ist ihm weitaus gemäßer als der gebundene Reim. Er ist seiner poetischen Natur nach Pathetiker und Agitator. Braun strebt mit Leidenschaft nach Identifikation mit der Klasse, die die Welt trägt. Am bemerkenswertesten wird das in dem Gedicht „Allgemeine Erwartung“ deutlich. Darin denkt ein Arbeiter darüber nach, was er als sozialistischer Produzent und Eigentümer eigentlich noch zu erwarten hat, nämlich noch „das Meiste“. Klassenbewußtsein in seiner ungeschminkten Beschaffenheit geht hier in die Vorwegnahme der Zukunft über.
Ernst Schumacher
Poesie, die anstösst und drängt
Ich ging aus diesem Volker Braun-Abend Nr.2 im Berliner Ensemble mit dem Bedürfnis, nun die Gedichte noch einmal in Ruhe nachzulesen, zu überdenken und stellte bei der Lektüre mit Erstaunen fest, wie stark die Interpretation haften geblieben war, den Versen ein nicht zu verwischendes Gesicht gegeben hatte, mit welcher Leichtigkeit, Geschmeidigkeit und Differenziertheit Christine Gloger, Dieter Knaup, Arno Wyzniewski und Ekkehard Schall den komplizierten Sprachgefügen des Dichters nachgegangen waren, Gestisches, Erzählerisches, Drastisch-Burleskes und Tragisch-Bitteres, Witz und entlarvendes Spiel mit der Sprache aufgespürt, gestaltet hatten.
Und das war die Paradoxie des literarischen Ereignisses: Drängende, unbequem kritische Gedanken zu einem großen atemberaubenden Thema wurden so formuliert, so dargeboten, daß dies ein Abend der Kunst wurde, des Genusses an Sprache und denkerischer Eleganz, ein Abend auch erregendlustvollen Gelächters.
Bestimmend blieb aber das öffentliche Nachdenken über Kommunismus, über die „allgemeine Erwartung“ an unser Leben, in diesem Staat, nach jener Kette von Kämpfen, die ihn erst ermöglichten, bestimmend blieb die Reflexion über den realen Sozialismus. Widersprüchlichkeiten im Alltäglichen wurden in knappester Diktion formuliert. Volker Braun versteht seine Poesie nicht als Selbstverständigung, sondern als „Vorgang zwischen Leuten“, als verantwortliche Stimme eines Einzelnen, als Angebot und Anstoß, in einer bestimmten Richtung zu suchen, dem Eigentlichen, die Wirklichkeit Überschreitenden im historischen Prozeß nachzuspüren. Zu einem Höhepunkt an dichterischer Bildkraft wurde das von Christine Gloger vorgetragene „Höhlengleichnis“, in dein der Dichter Platons Höhlen-Bild aufgreift und es weiterführt, wandelt zu einer neuen philosophischen Metapher.
Alles in allem ein wichtiger Abend, der dem Anspruch, den Volker Brauns Dichtung erhebt, gerecht wurde.
Dorothea Körner
Der Volker Braun-Abend 2 „Allgemeine Erwartung“ hatte am 21. Januar 1980 Premiere. Der Aufnahme liegt ein Mitschnitt der Aufführungen vom vom 9. und 10.Dezember 1980 zugrunde.
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Meine Damen und Herrn
Christine Gloger, Dieter Knaup, Arno Wyzniewski
Der Mittag
Christine Gloger
Avignon
Arno Wyzniewski
Das Schwein
Dieter Knaup
La Rampa (Habana)
Christine Gloger
Der geflügelte Satz
Arno Wyzniewski
Der Kommunismus in Falkenstein
Christine Gloger, Dieter Knaup, Arno Wyzniewski
Höhlengleichnis
Christine Gloger
Die Geräusche meines Lands
Christine Gloger
Die Gummikneteranlage
Arno Wyzniewski
Rechtfertigung des Philosophen
Christine Gloger
Zeitungsgedicht, redigiert
Dieter Knaup
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Geschichten von Hinze und Kunze
Christine Gloger, Dieter Knaup, Arno Wyzniewski
Larvenzustand
Arno Wyzniewski
Definition
Dieter Knaup
Allgemeine Erwartung
Ekkehard Schall
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Leitung: Jochen Ziller
Berliner Ensemble
Leitung: Manfred Wekwerth
Redaktion, Dramaturgie, Gestaltung: Karl-Heinz Drescher
Texte: Ernst Schumacher, Berliner Zeitung, 24. Januar 1980; Dorothea Körner, Der Morgen, 24. Januar 1980
Textrechte: Volker Braun, Mitteldeutscher Verlag, Halle-Leipzig
Künstlerische Aufnahmeleitung: Leni López
Tonregie: Karl Hans Rockstedt
Schnitt: Christa Blaumann |
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