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Covertext:
Die „Flüchtlingsgespräche“ entstanden 1940/41 im finnischen Exil, also etwa zwischen der Niederschrift des Volksstücks „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ und der Arbeit am Gangsterspektakel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, jener aggressiv entlarvenden Travestie auf den „Wieheißterdochgleich“ der „Flüchtlingsgespräche“, auf Hitler und auf seine Hintermänner, Taktiken und Kumpane.
Es war die Zeit, da die faschistischen Armeen große Teile des europäischen Festlandes Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich besetzt hatten, in Nordafrika operierten, da ein verstärkter Luft- und Seekrieg gegen England geführt, und die Überfälle auf Griechenland, Jugoslawien und auf die Sowjetunion bereits vorbereitet wurden.
Diese Situation und ihre Vorgeschichte in den ersten drei, vier Jahrzehnten unseres Jahrhunderts sind es, die das Schicksal, die Entscheidungen und Haltungen jener beiden deutschen Exilanten bestimmt haben, die Brecht auf einer Station ihres Fluchtweges zu „Flüchtlingsgesprächen“ zusammenführt: den Physiker Ziffel und den Metallarbeiter Kalle im Bahnhofsrestaurant zu Helsinki. „Sich ab und zu vorsichtig umblickend“ reden die beiden „über Politik“: Ein Arbeiter und ein Intellektueller besichtigen ihr Zeitalter. Die Fragwürdigkeit seiner Tugenden und Laster werden enthüllt mit allen Spielformen des Humors. Unter verschiedenen Aspekten, mit einer dialektisch geführten Kritik gehen Ziffel und Kalle Themen, Vorgänge, Personen und Probleme der Zeitgeschichte an: um mit gebotener Behutsamkeit und berechtigter Erwartung Positionen anzuvisieren, von denen aus die so notwendige menschenfreundliche Veränderung der Welt möglich erscheint.
Brechts Eintragung in sein Tagebuch vom 1. 10. 1940 verweist auf konzeptionelle Orientierungen, stilistische Anregungen und gestische Erprobungen: „Ich las in Diderots, „Jakob derFatalist“, als mir eine neue Möglichkeit aufging, den alten Ziffel-Plan zu verwirklichen. Die Art, Zwiegespräche einzuflechten, hatte mir schon bei „Kivi“ gefallen. Dazu habe ich vom „Puntila“ noch den Ton im Ohr. Ich schrieb probeweise zwei kleine Kapitel und nannte das Ganze ,Flüchtlingsgespräche‘.“ Aus einer editorischen Anmerkung zu Brechts „Prosa“, Band 2, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1965, erklärt sich der alte Ziffel-Plan als ein etwas früher zu datierendes Buchprojekt, dessen Texte, soweit sie fertig waren, in die „Flücht.lingsgespräche“ eingearbeitet worden sind. Sein vorgesehener Titel bezeichnet den Grundgestus beider Arbeiten: „Aufzeichnungen eines unbedeutenden Mannes in großer Zeit“.
J. T.
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