|
Covertext:
Der goldene Schlüssel aus Grimm’s Märchenbuch
Zur Winterzeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, mußte ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Hause gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bißchen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloß dazu sein, grub in die Erde und fand ein eisernes Kästchen. „Wenn der Schlüssel nur paßt!“ dachte er, „es sind gewiß kostbare Sachen in dem Kästchen.“ Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da. Endlich entdeckte er eins, aber so klein, daß man es kaum sehen konnte. Er probierte und der Schlüssel paßte glücklich. Da drehte er einmal herum und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen.“
„Es war einmal vor vielen, vielen Jahren eine arme Witwe, die lebte mit ihren beiden Kindern einsam in einer Hütte am Walde. Und vor der Hütte war ein kleiner Garten, darin standen zwei Rosensträucher. Der eine trug weiße, der andere trug rote Rosen ...“
Aus längst vergangenen Zeiten sind sie zu uns gekommen, diese Märche vom Schneeweißchen und Rosenrot, vom tapferen Schneiderlein, dem Schneewittchen, von Frau Holle und auch alle die anderen Geschichten aus dem großen Märchenbuch der Brüder Grimm, die wir so gern hören.
In ihnen erzählten die Menschen von ihrem Leben, von ihren Gedanken, Wünschen und Träumen. Einfach und wunderbar geht es zu in diesen Geschichten. Immer wird das Gute belohnt, und das Böse bekommt seine gerechte Strafe. Und wenn Schneeweißchen und Rosenrot den Zwerg dreimal mutig und hilfsbereit aus einer lebensgefährlichen Situation erretten und er sie nur zornig beschimpft und ihnen kein freundliches Dankeschön sagt, so beschenkt sie der Märchenerzähler mit einer großen Freude: der verzauberte Bär wird zu einem wunderschönen jungen Mann, und der hartherzige Zwerg muß sterben und wird ihnen nie mehr Leid und Undank zufügen können.
Was jahrhundertelang für das Volk nur Wunschtraum war im Märchen wurde es Wirklichkeit: Die ewige Sehnsucht des Volkes nach Menschlichkeit, nach Gerechtigkeit, hier finden wir sie wieder, einfach und wunderbar. Die Menschen erzählten vom Glück, das in ihren Geschichten für alle erreichbar war, die es durch ihre Handlungen und Verhaltensweisen verdient hatten. Es war in gleicher Weise für Goldmarie wie für den verzauberten Prinzen oder für König Drosselbart und seine Königstochter bereit. Denn die Erzähler der Märchen bewerteten auch die Prinzen, Prinzessinnen und Könige wie den Schneidergesellen einzig und allein nach ihren Taten, nach ihrem Verhältnis zu den Mitmenschen. Und wenn König Drosselbart mit der stolzen und übermütigen Königstochter das Leben eines Bettelmannes teilt und sie im beschwerlichen Alltag mit ihm den Wert der menschlichen Arbeit zu achten lernt, so wird sie das gewiß auch nie mehr als Königin vergessen, und sie wird vom Märchenerzähler mit Glück und Reichtum belohnt. Wurde jedoch über einen König oder eine Königin berichtet, die ihre Macht und ihren Besitz mißbrauchten, wie die egoistische und listige Königin aus dem Märchen „Schneewittchen“, so erhielten ihre häßlichen Taten immer eine gerechte Strafe, und sie durften nicht mehr länger König oder Königin sein.
So einfach und wunderbar entschieden die Märchenerzähler des Volkes.
Dolores Hofmann
|